Kahlschlag bei Clearstream: Haben die Backoffice-Standorte in Luxemburg und Frankfurt noch eine Zukunft?

eFC logo

Mit dem Abbau von 450 Stellen bei der Deutschen Börse AG sehen die Gewerkschaften in Luxemburg und Frankfurt die Standorte akut bedroht. Der Börsenbetreiber plant bei seinem Tochterunternehmen Clearstream International, bei dem ein Großteil der noch 3300 Mitarbeiter beschäftigt sind, einen Kahlschlag im Backoffice. Der Konzern hat bei Clearstream mit Hauptsitz im Großherzogtum sein Wertpapierverwahrgeschäft gebündelt

Nearshoring als akute Bedrohung

Im Gegenzug sollen am Billiglohnstandort Prag 270 neue Stellen geschaffen werden, was neudeutsch als "Nearshoring" bezeichnet wird. Laut einem Unternehmenssprecher erhofft sich das DAX-Unternehmen hieraus ab 2013 jährliche Kosteneinsparungen von etwa 33 Mio. Euro.

Dies hat die Zentralsekretärin der Luxemburgischen Gewerkschaft OGBL Véronique Eischen jetzt zum Anlass genommen, um dem Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker einen geharnischten Brief über die Situation bei Clearstream zu schreiben, der eFinancialCareers.lu vorliegt.

In Luxemburg verbleibt nur noch eine leere Unternehmenshülle

"Einfach ausgedrückt sind wir tief besorgt, dass die derzeit 1000 Beschäftigten in den kommenden fünf Jahren um 50 Prozent reduziert werden und dass der Hauptteil der IT- und Backoffice-Aufgaben abgezogen wird, womit nur noch eine Unternehmenshülle in Luxemburg mit Marketing, Vertrieb, Finanzen sowie der Hauptverwaltung übrig bleibt", heißt es in dem Brief.

Damit stellt sich die grundlegende Frage, ob Luxemburg und Frankfurt als Backoffice-Standorte noch eine Zukunft haben, oder ob diese Funktionen vermittels eines "Nearshoring" nach Prag und anderswo transferiert werden.

"In der bevorstehenden zweiten Phase des Nearshoring, die bis zum Jahresende beginnen und drei Jahre andauern wird, wird das Unternehmen das Prager Personal in quasi alle Aspekte der Geschäftstätigkeiten von Clearstream einführen und damit eine Verlagerung geistigen Kapitals erwirken, was Prag darauf vorbereitet, in den Folgejahren alle derzeitigen Bakoffice-Funktionen und die IT zu übernehmen", ergänzt Eischen.

EU fördert großzügig die Arbeitsplatzverlegung

Besonders erbost ist die Gewerkschaft darüber, dass das "Nearshoring" nach Prag auch noch mit EU-Geldern in Höhe von 3 Mio. Euro gefördert werde, das letztlich aus EU-Geberländern wie Luxemburg oder Deutschland stamme.

Einen ganz ähnlichen Ton wie der OGBL hatte der Betriebsrat der Deutschen Börse AG Anfang August in einem Brief an den damaligen Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch angeschlagen, der ebenfalls eFinancialCareers.lu vorliegt: "Mit dem Abbau von Fachkräften und dem Verschieben von Kompetenzen nach Prag geht ein Knowhow-Verlust für Frankfurt einher."

Die Arbeitnehmervertreter sorgen sich um die Signalwirkung: "Wir befürchten eine Erosion des Finanzplatzes, was im Widerspruch steht zu Lippenbekenntnissen, die in diversen Gremien zur Stärkung des Finanzplatzes geäußert werden."

Deutsche Börse lanciert "einseitiges Freiwilligenprogramm"

Dagegen versucht ein Sprecher der Deutschen Börse AG den Ball flach zu halten. Da bislang eine Vereinbarung mit den Betriebsräten nicht zustandegekommen sei, habe das Unternehmen vor einer Woche ein "einseitiges Freiwilligenprogramm" lanciert. Darin würden Mitarbeitern Abfindungszahlungen, Vorruhestandsregelungen, Arbeitszeitverkürzungen sowie Sabbaticals unterbreitet.

Der Präsident der größten Luxemburger Arbeitnehmervereinigung in den Finanzberufen Marc Glesener bestätigt, dass die Aleba bislang von Clearstream keine offizielle Einladung zu Gesprächen über den geplanten Stellenabbau im Großherzogtum erhalten habe. Allerdings erwartet Glesener, dass ab Mitte November Bewegung in die Verhandlungen komme. Eine Entwarnung für die Backoffice-Standorte in Luxemburg und Frankfurt ist dies freilich nicht.

Close