Wieso sich Banker mit einer Bezahlung von 200.000 Dollar für arm halten

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Wieso sich Banker mit einer Bezahlung von 200.000 Dollar für arm halten

Wer an einem der großen Finanzzentren wie London, New York oder Frankfurt beschäftigt ist, verdient mit Sicherheit überdurchschnittlich. Vielleicht  gehören Sie sogar zu dem Top 1 Prozent, die in London jenseits von 300.000 Pfund verdienen oder zwischen 100.000 und 400.000 Dollar (je nach Alter) in New York. Doch selbst für solche Leute ist finanzielle Stabilität keine Selbstverständlichkeit.

Denn dummerweise zählen die großen Finanzzentren meist auch zu den teuersten Städten der Welt.

„Das Problem bei London ist, dass man sich immer arm fühlt“, erzählt ein Angestellter aus dem Investmentmanagement, der etwa 150.000 Dollar verdient. „Sie zahlen horrende Steuern, die Wohnung kostet ein Vermögen und sie haben nur mit superreichen Leuten zu tun. Wenn Sie sich mit normalen Verhältnissen vergleichen, schneiden Sie immer noch gut ab. London bringt einen dazu, sich als arm zu betrachten…“

Ein 25jähriger Investmentbanker von Morgan Stanley in London, der sich in einer ähnlichen Gehaltsklasse befindet, hat angeblich am Monatsende kein Geld mehr übrig. „Die Steuern, das Leben in London, eine eigene Wohnung und der gelegentliche moderate Restaurantbesuch, das alles kostet Geld. Auch ohne luxuriösen Lebensstil zehrt das Ihr gesamtes Geld auf.“

Ein anderer junger Investmentbanker erzählt, dass allein seine Miete 60 Prozent seines Nettogehalts verschlinge. „Ich brauche eine Wohnung, die vergleichsweise zentral liegt. Sie darf nicht weiter entfernt als U-Bahn-Zone Drei liegen, weshalb mein Gehalt höher ausfallen muss.“ Dabei erscheint der Kauf eines Hauses in London rasch als unerreichbar. „Der durchschnittliche Hauspreis in meinem Gebiet liegt bei dem Zehnfachen meines Jahresgehalts.“ Ein Londoner Credit-Trader, der sich selbst als „ausgabenbewusst“ beschreibt, lebt sogar in einer Wohngemeinschaft.

Doch nicht nur Mieten, auch Schoolgebühren und Kinderbetreuung reißen ein tiefes Loch ins Portemonnaie. Ein IT-Mitarbeiter von JP Morgan, der etwa 250.000 Dollar verdient, meint, er bräuchte eine 30prozentige Gehaltserhöhung, um zurechtzukommen. „Dabei geht es um keinen luxuriösen Lebensstil. Eine Hypothek abzubezahlen und die Kinderbetreuung für zwei Kinder, das liegt deutlich über meinen Möglichkeiten.“ Auch ein Sales-Mitarbeiter von HSBC klagt über die hohen Schulgebühren. Ein Quant der Deutschen Bank wiederum erzählt, dass ihn die Kombination von Schulgebühren und hohen medizinischen Kosten belastet.

Da ein großer Teil der Bezahlung auf aufgeschobene Boni entfällt, haben viele Banker auch mit ihrem Cash Flow zu kämpfen. Das gilt besonders für die Private Equity-Branche, wo der Carried Interest oft erst nach Jahren ausbezahlt wird. Ein Private Equity-Mitarbeiter aus dem noblen Londoner Stadtteil Mayfair, der rund 600.000 Dollar verdient, erzählt, er bräuchte sogar eine Verdopplung seines Gehalts. „Die Aufschiebung der variablen Vergütung fällt einfach zu lang aus.“ Doch die Leute mit geringeren Gehältern haben stärker mit ihren Lebenshaltungskosten zu kämpfen. Ein Beschäftigter aus dem Asset Management, der weniger als 100.000 Dollar verdient, hat nach eigenen Angaben sogar Schulden in Höhe von 22 Prozent seines Jahresgehalts. „Mein Bonus wird das Problem hoffentlich beseitigen. Vielleicht bin ich im kommenden Jahr aus den Schulden heraus.“

Während die meisten Leute Finanzprofis für Großverdiener halten, fällt deren Selbstwahrnehmung anders aus. „Die Bezahlung stellt keine wirkliche Kompensation für die Zeit dar, die man braucht, um den Markt zu übertreffen“, klagt ein Trader. „Aufgrund meiner Berufserfahrung werde ich überdurchschnittlich bezahlt“, sagt ein Investmentbanker. „Aber ich mache auch vier Jobs gleichzeitig.“

„Zwölf Stunden am Tag mit all dem Stress zu arbeiten, Schulkinder und eine Wohnung an einem Ort zu haben, wo Banker vor zehn Jahren lebten, dafür bräuchte man ein Nettogehalt von 300.000 Pfund“, erzählt ein Rohstoffhändler von JP Morgan in London.

Doch nicht alle stimmen dem zu. „Wer in London lebt und mehr als 130.000 Pfund verdient und sich beklagt, hat den Kontakt zur Realität verloren“, meint ein Banker. „Das mag zwar schön sein, aber niemand muss mehr als das verdienen.“

Photo by Ryan Holloway on Unsplash

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