„Im Bankwesen kennt jeder jemanden, der die Krankheit schon hatte“

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„Im Bankwesen kennt jeder jemanden, der die Krankheit schon hatte“

Dass COVID-19 in New York bereits 17.515 Todesopfer gefordert hat, bringt nun auch Leute in der Finanzwelt dazu, ihre Gesundheit ernst zu nehmen – und das, obwohl man sich bislang gern damit gebrüstet hatte, auch krank zur Arbeit zu gehen. In einem kulturellen Umfeld, in dem viel gearbeitet wird und der Kunde König ist, führt dies zu einer neuen Dynamik.

Am Anfang der Pandemie schien es, als würden Banker und Trader sich an die gewohnte Routine halten. Ein Managing Director bei JPMorgan kam Mitte März krank auf den Trading Floor in der Madison Avenue und steckte rund 20 Kollegen an. Ein Managing Director bei Goldman Sachs kam zur gleichen Zeit mit Fieber ins Büro, ging nach Hause, kam dann aber wieder arbeiten – bis er von Atemnot eingeholt wurde. Es ist unklar, ob der Managing Director bei Goldman Sachs das Coronavirus hatte, und auch, ob er andere angesteckt hat. Er war allerdings offenbar der Meinung, dass man in der Finanzwelt auch krank zur Arbeit geht – komme, was wolle.

Jetzt, wo ein Monat vergangen ist und die meisten im Home Office sind (und führende Banker auch gern in Wochenend-Häusern auf dem Land), wird COVID-19 stärker ernst genommen. Wer als Associate krank wird, wird sich jetzt nicht weiter zur Arbeit quälen, nur um seinen Managing Director – oder als Managing Director seinen CEO – zu beeindrucken.

„Jeder kennt jemanden, der das Virus hatte, und viele kennen Leute mit schweren oder sogar tödlichen Verläufen“, so Roy Cohen, Karrierecoach an der Wall Street, der 19 Jahre lang im Bankwesen tätig war und jetzt Wall Street-Profis berät. COVID-19 mildere die Dynamik, sagt Cohen: „Es geht nicht mehr ums ‚survival of the fittest‘ und darum, Nächte durchzuarbeiten. Krank zu sein, ist in der aktuellen Lage kein Stigma mehr. Alle wissen, dass das Virus tödlich sein kann und es darum geht, gesund zu bleiben.“

Cohen selbst hat COVID-19 bereits überstanden – er hatte sich am 18. März infiziert. „Es ging alles sehr schnell“, berichtet er. „Ich bin lang spazieren gegangen und habe mich danach super gefühlt, aber eine halbe Stunde später bekam ich Fieber.“ Zwei Wochen lang lag er erschöpft im Bett, ist jetzt aber auf dem Weg der Besserung, dank ausgedehntem Netflix-Schauen.

Wer COVID-19 hat, könne wahrscheinlich gar nicht mehr arbeiten, so Cohen: „Jeder reagiert anders, aber ich war einfach total lethargisch und hatte hohes Fieber.“ Er sagt weiter: „Wer total neben sich steht, ist einfach nicht mehr in der Lage dazu, seinen Aufgaben verantwortungsvoll nachzukommen und hat zudem ein beeinträchtigtes Urteilsvermögen. Man muss sich erlauben, gesund zu werden und sich zu erholen.“

Die Unvorhersehbarkeit der Krankheit macht die Sache noch schlimmer. Cohen sagt, seine Klienten seien üblicherweise Leute, die „aufs Gas treten“, sobald sie wieder fit sind und versuchen, die verlorene Zeit aufzuholen. Im Fall von COVID-19 sei dies allerdings kontraproduktiv. „Man denkt, man sei auf dem Weg der Besserung und wieder arbeitsfähig, hat dann aber nach zwei Tagen einen Rückfall.“ Wer wirklich gesund werden will, muss sich Ruhe gönnen und diese auch beibehalten.

Einige in der Finanzwelt scheinen diesem Ansatz zu folgen. Ein Tech-Spezialist bei einer Bank im London sagt, dass er keine Skrupel gehabt habe, tagsüber zu schlafen, als er krank war. Ein Banker im Londoner Aktienhandel erklärte, dass der Virus ihn gezwungen habe, das Bett zu hüten – noch nie zuvor sei dies nötig gewesen. Ein Operations Manager bei JPMorgan warb dafür, auf sich aufzupassen, sich Ruhe zu gönnen und gut zu essen.

Wird die Krankheit die Kultur an der Wall Street langfristig verändern? Soweit will Cohen sich nicht aus dem Fenster lehnen, doch er glaubt, dass Wall Street-Banker künftig ehrlicher mit ihrem Gesundheitszustand umgehen müssen. „In unserer Branche wird erwartet, dass alle übermenschliche Kräfte haben – und doch können wir alle krank werden. In einem Umfeld, in dem Gesundheit Priorität hat, wird den Leuten klar, dass man ehrlich über das Kranksein sprechen muss und Vorgesetzten deutlich spiegeln muss, wieviel Arbeit man schafft – und dass man sich nicht verausgaben darf.“

Ein Managing Director im M&A-Bereich in London erklärte, er versuche seinen jungen Mitarbeitern nicht so viel Arbeit aufzubürden, dass deren Gesundheit leide. Aktuell hätten sie allerdings ohnehin nicht viel zu tun: „Zurzeit muss ich mir eher überlegen, was für Aufgaben ich ihnen gebe, damit sie nicht verkümmern.“

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