„15 Kilo zugenommen, Haarausfall, graue Haare bekommen und Zuckungen in den Händen gehabt“

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„15 Kilo zugenommen, Haarausfall, graue Haare bekommen und Zuckungen in den Händen gehabt“

Wenn allgemein bekannt ist, dass Jung-Banker grausam viel arbeiten, dann lautet die große Frage in der Finanzbranche nicht mehr, wie viel man verdient (außer natürlich, man arbeitet bei Apollo), sondern, wer die krassesten Erlebnisse zu berichten hat.

Ein unlängst im Guardian erschienener Artikel fällt irgendwo in die Mitte des Spektrums. Es geht um Jung-Banker bei Goldman Sachs, die zu erschöpft sind, um sich zu waschen oder auf ihre Kalorienaufnahme zu achten. Zum Vergleich: Die Aussage der ehemaligen Credit-Suisse-Analystin Connie Nam, dass Manager im Bankwesen nicht sehr nett seien, fällt auf dem Spektrum in die Kategorie „zahm“, der Tweetstorm des ehemaligen Greenhill-Analysten Tushar Agarwal eher in die Kategorie „extravagant“.

Auf Twitter schreibt Agarwal, dass man in einem Junior-Banking-Job weiß, was es bedeutet, ein Jahr lang nicht zu schlafen. Agarwal hatte 2010 ein Praktikum im Bereich M&A bei Barclays absolviert und war ab 2011 zweieinhalb Jahre lang bei Greenhill tätig. „In diesen zwei Jahren habe ich 15 Kilo zugenommen, litt unter Haarausfall – und die Haare, die ich noch hatte, wurden grau. Ich entwickelte einen Mausarm, der so schlimm wurde, dass ich drei Monate lang in zwei Fingern das Gespür verlor, meine Hand willkürlich krampfte und ich einfach alles fallen ließ, was ich in der Hand hielt“, so Agarwal. Viele seiner Beschwerden seien eher typisch für einen 62-Jährigen als für einen 22-Jährigen gewesen.

Noch schlimmer sind die Beschreibungen, die sich in dem bahnbrechenden Aufsatz von Alexandra Michels finden, die seit 2012 das Leben junger Banker untersucht. Michel, früher selbst Mitarbeiterin bei Goldman Sachs und mittlerweile Professorin an der University of Pennsylvania, hatte über einen Zeitraum von neun Jahren wiederholt rund 100 Banker befragt. In dieser Zeit stellte sie fest, dass viele Jung-Banker 120 Stunden pro Woche arbeiteten, und zwar „auch dann, wenn nichts Dringendes anstand“.

Michel zeigte auf, dass die von ihr beobachteten Junior-Banker in den ersten vier Jahren ihrer Karriere ein besonders zermürbendes Arbeitspensum fahren und dabei die körperlichen Folgen außer Acht lassen. Dann hätten sie körperlich so stark abgebaut, dass es schlicht unmöglich war, das hohe Tempo beizubehalten. „Die einzige Möglichkeit, wie ich nachts arbeiten kann, ist eine Mischung aus Koffeintabletten und verschreibungspflichtigen Medikamenten“, erzählte ein Jung-Banker. „Ich bin auf dem Weg zu einem Meeting gestürzt. Ich hatte blaue Flecken am Bein und Schmerzen, aber ich entschied mich, das zu ignorieren bis das Meeting durch war“, sagte eine andere Befragte. Es stellte sich heraus, dass das Bein an zwei Stellen gebrochen war.

Je mehr der Körper den Dienst verweigerte, desto mehr verlangten die jungen Banker in Michels Studie ihrem Körper ab. Anstatt weniger zu arbeiten, versuchten sie, sich von körperlichen Empfindungen zu distanzieren. „Ich habe jedes Gefühl für körperliche Bedürfnisse verloren. Wenn ich arbeiten muss, spüre ich keinen Hunger, keinen Durst, keinen Schmerz – nichts“, erklärte einer. Die physischen Anforderungen konnten dann allerdings auch überwältigend werden: „Ich hatte eine Hungerattacke während eines Meetings, und alles, woran ich denken konnte, war, wo ich Essen herbekomme. Alles, was der Kunde sagte, verschwamm. Ich wollte nur, dass sie die Klappe halten, damit ich das tun konnte, was ich tun musste“, berichtete ein VP mit einer 120-Stunden-Woche.

Viele der von Michels untersuchten Banker hatten am Ende physische und psychische Zusammenbrüche. „Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass es Grenzen für das gibt, was man kontrollieren kann. Das was ich tat, um Leistung zu bringen, hatte immer Konsequenzen, die ich nicht tragen wollte und die mir am Anfang auch nicht bewusst waren“, erzählte ein anderer VP. „Als ich hier angefangen habe, habe ich so viel gearbeitet, dass ich 60 Pfund zugenommen habe, Herzprobleme und Diabetes bekam. Um abzunehmen, habe ich dann angefangen, laufen zu gehen und dadurch meinen Rücken und meine Gelenke irreparabel geschädigt. (Anm.: Der betreffende Banker war täglich zwei Stunden laufen gegangen, oft um Mitternacht.) Weil ich so starke Schmerzen hatte, nahm ich Schmerzmittel, die meine Leber angriffen. Dann machte ich eine spezielle Diät, die meinen Serotoninspiegel beeinflusste und mir eine tiefe Depression bescherte. Und das ist noch lang nicht alles.“

Die beobachteten Banker änderten ihre Arbeitsgewohnheiten erst nachdem sie einen Zusammenbruch erlebt hatten. „Ich würde gerne so viel arbeiten wie früher“, sagte ein Director im Interview mit Michel. „Aber mein Körper macht da nicht mit. Also muss ich kreativ sein. Ich lasse mir Produkte einfallen, die – anders als früher – ohne viele Trockenübungen auskommen und gehe abends nach Hause. Wenn die dann gut laufen, bekomme ich Mitarbeiter und kann delegieren.“ Das klingt nach einer willkommenen Ausrede dafür, Arbeit auf junge Kollegen zuschieben, doch ein anderer Banker, der einen Zusammenbruch hinter sich hatte, erzählte Michel, dass dies ihn zu einem besseren Manager gemacht habe: „Wenn ich mich um mich selbst kümmere, kümmere ich mich quasi nebenbei auch um andere.“

Heutige Junior-Banker bei Goldman Sachs und UBS würden bestreiten, dass ihre Arbeitszeiten selbstverschuldet sind. Im Forum Wall Street Oasis klagt ein UBS-Insider, dass das Problem in Wirklichkeit der Personalmangel sei: Überarbeitete Associates geben den Druck weiter an überarbeitete Analysten, die sich aus Angst vor Konsequenzen nicht mehr trauen, ihren Schreibtisch zu verlassen.

Nichtsdestotrotz zeigen Agarwals Tweets, dass es Alternativen gibt. Er selbst betreibt jetzt mit HubbleHQ die größte Web-Plattform für Büroräume in Großbritannien. Agarwal sagt, dass er aus seiner Zeit bei Greenhill viel mitgenommen habe: „Als mein erster Bonus kam, habe ich gelernt, dass eine 5.000-Pfund-Uhr nicht glücklich macht. Dass ich kein Interesse an Ränkespielen hatte. Es war mir egal, ob Loafer von Ferragamo oder Gucci besser waren (ein häufiges Gesprächsthema beim Mittagessen).“

Er habe sich gesagt: Wenn ich 100 Stunden in der Woche arbeite, kann ich wirklich alles schaffen. „Vielleicht könnte ich ein eigenes Unternehmen gründen? Vielleicht hätte ich damit sogar Erfolg? Ich hatte in der Zwischenzeit eine klare Vorstellung davon, wie mein Leben mit 24 aussehen sollte – und wie nicht.“

Das könnte das eigentliche Learning für junge Banker sein: Wenn dir nicht gefällt, wie dein Leben aktuell aussieht, ist das Banking immer noch ein gutes Sprungbrett. Das Banking habe durchaus auch seine guten Seiten, so Agarwal. Man könne in kurzer Zeit sehr viel lernen. Man lerne, wie man mit wichtigen Leuten umgeht. Man lernt, wie man Excel und Power Point auch ohne Maus bedient… Es sind kleine Dinge, die man aber nicht vergessen sollte.

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