Nightmare für Banker, die London verlassen

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Nightmare für Banker, die London verlassen

Wer der Meinung ist, dass die meisten Banker London im Vorfeld des Brexits am 31.12.2020 verlassen haben, sollte genauer hinsehen. Tatsächlich sind bereits mehrere Hundert in die EU gegangen, doch eine ganze Reihe an Bankern muss bis Ende 2021 noch aus London wegziehen.

Wie wir gestern berichtet haben, hat die Aussicht, London, bei Banken wie J.P. Morgan schon zum Abwandern von Mitarbeitenden geführt: Hier haben Trader, die nach Paris versetzt werden sollen, das Unternehmen verlassen und sich nach anderen Stellen in der Londoner City umgeschaut. Das Problem, so sagen Headhunter aber auch die Betroffenen selbst, sei, dass ein Umzug in die EU einen Schneeballeffekt auslösen kann, der sich über Jahre hinweg negativ auf die Karriere auswirkt.

Typisches Beispiel ist ein Wechsel nach Paris: Kurzfristig kann es aus steuerlicher Sicht sehr vorteilhaft sein, in die französische Hauptstadt umzuziehen. Das französische „Impatriate Tax Regime“, das 2008 eingeführt wurde, ermöglicht es, dass Boni pauschal mit 30 Prozent besteuert werden. Zudem können neu angesiedelte Banker aus London die französische Vermögenssteuer auf Immobilienbesitz außerhalb Frankreichs umgehen. Damit einher geht auch, dass Banker, die in Paris steuerpflichtig sind, aber gelegentlich dienstlich nach London müssen, die Einkommenssteuer für ihre Arbeitstage in Großbritannien komplett vermeiden können. „Wer als Banker bei einem französischen Unternehmen arbeitet und in Frankreich steuerpflichtig ist und unter die Impatriate-Regelung fällt, braucht für Arbeitsaufenthalte in Großbritannien keine Steuern zu bezahlen“, so Bernard Oury, Steuerspezialist bei EY in Paris. „Möglicherweise fallen Sie nicht in das britische Steuersystem und das Impatriate-Regime erlaubt es Ihnen zudem, Arbeitstage im Ausland von der französischen Besteuerung auszunehmen – möglicherweise bis zu 50 Prozent der Gesamtvergütung.“

Bei den Banken ist dieses Steuerschlupfloch nicht unbemerkt geblieben. Berichten zufolge werden in Frankreich ansässige Angestellte bereits jetzt alle paar Wochen nach London geholt, damit diese so von den steuerlichen Vorteilen profitieren können.

Das französische Impatriate-Regime hat allerdings auch ein paar gravierende Nachteile. „Die Impatriate-Steuerregelung gilt für das Jahr der Ankunft und die acht folgenden Jahre, solange man beim selben Arbeitgeber bleibt“, sagt Oury. „Ein Banker, der bei Goldman Sachs arbeitet und dann zu J.P. Morgan wechselt, verliert das Anrecht auf die Vorteile der Regelung.“

Mit anderen Worten: Ein Banker, der von J.P. Morgan in London zu J.P. Morgan in Paris geht, wird nur dann von der in Frankreich angebotenen reduzierten Besteuerung profitieren, wenn er oder sie J. P. Morgan für die vollen acht Jahre, für die die Regelung gilt, die Treue hält. „Ich habe erlebt, dass Banker bei neuen Arbeitgebern anfragen, für den Verlust der Regelung entschädigt zu werden“, sagt Oury. Als Banker in Frankreich einfach zurück nach London zu gehen und kurz darauf bei einem anderen Arbeitgeber in Frankreich anzufangen, funktioniert ebenfalls nicht: „Die Impatriate-Regelung steht nur Personen zur Verfügung, die in den vorangegangenen fünf Jahren nicht in Frankreich steuerpflichtig waren: Wenn Sie ein zweites Mal von der Regelung profitieren wollen, müssen Sie also mindestens fünf Jahre außerhalb Frankreichs arbeiten“, erklärt Oury.

Es geht nicht nur um Frankreich. Italien, Schweden und Spanien gehören ebenfalls zu den EU-Ländern, die neuen Bankern Steuervorteile anbieten. Die Regelungen sind alle zeitlich befristet, normalerweise an bestimmte Funktionen gebunden und können innerhalb von fünf Jahren nicht erneut in Anspruch genommen werden.

Die Gefahr ist, dass Banker, die infolge des Brexits in die EU gegangen sind, entweder in ihren aktuellen Funktionen festsitzen, auf der Suche nach Steuererleichterungen von Land zu Land wechseln müssen, oder ihn nichts übrig bleibt, als die in Europa höheren Einkommens- und oft auch Vermögenssteuern zu bezahlen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Arbeitsmarkt in den Finanzzentren der EU weniger flexibel ist als der in London. In Deutschland etwa sind aufgrund von Vertragsklauseln Kündigungen nur zu bestimmten Zeitpunkten möglich. Eine neue Stelle zu finden, gestaltet sich schwieriger. Für Menschen, die ihre gesamte Berufslaufbahn im vergleichsweise unbeschwerten Londoner Umfeld verbracht haben, geben die Folgen der Steuerregelungen und der behäbigeren Stellenmärkte Anlass zur Sorge.

„Die Leute sträuben sich förmlich dagegen, umzuziehen“, berichtet ein Londoner Headhunter im Fixed-Income-Bereich. „Viele Leute, besonders auf dem VP-Level, sind verunsichert und wollen nicht weggehen. Sie wissen: Wenn sie erst einmal in der EU sind, werden sie es sehr viel schwerer haben. Wir erleben jetzt schon, dass Banker aus Paris an uns herantreten und in ein anderes EU-Land wechseln wollen, weil sie aus steuerlichen Gründen nicht in Frankreich bleiben können.“

Photo by Karine Germain on Unsplash

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