„Banken-Jobs im Front Office gehen immer noch an Privilegierte aus reichem Elternhaus“

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„Banken-Jobs im Front Office gehen immer noch an Privilegierte aus reichem Elternhaus“

Ich bin 30 Jahre alt und arbeite als Associate in einem M&A-Team. Ich bin vor sechs Jahren in die Finanzbranche gegangen und erst seit Kurzem in der Beratung. Angefangen habe ich im Bereich Operations.

Ich habe mich für eine Karriere in der Finanzwelt entschieden, weil ich einen Job haben wollte, in dem ich gut verdiene und mich entwickeln kann und in dem ich nicht mit meinen Händen oder unter Einsatz meines Körpers arbeiten muss: Ich dachte, dass ich besser fahre, wenn ich meinem Kopf nutze und so eine langfristig tragfähigere Karriere habe.

Ich stamme nicht aus einer Banker-Familie. Mein Vater war Arbeiter und hat seine Stelle verloren. Meine Eltern mussten sich hoch verschulden. Als ich beschlossen habe, dass ich studieren möchte, bin ich ganz gezielt nicht an eine namhafte Uni gegangen, denn dort hätte ich einen Studienkredit gebraucht. Stattdessen habe ich an einem lokalen Community College studiert. Ich hatte tierische Angst davor, Schulden zu machen und habe während meines Studiums als Lkw-Fahrer und als Tellerwäscher gearbeitet, um kein Darlehen aufnehmen zu müssen.

Als an meinem Community College Recruiter aus Banken vorbeikamen, wollten sie Leute für operative Stellen im Back Office finden. Die Leute an meiner Uni wurden als passend erachtet für die einschlägigen öden und einfachen Aufgaben – mit Anfang 20 hatte ich keine Ahnung, dass es in Gebieten wie dem Investmentbanking, Equity Research oder Sales and Trading sehr viel besser bezahlte Stellen gab.

Ich habe mein Berufsleben also im operativen Business begonnen. Als ich Bewerbungen schrieb, konnte ich im Lebenslauf nicht mit Praktika im Front Office aufwarten – meine einzigen beruflichen Erfahrungen bestanden darin, Teller zu waschen und Lkw zu fahren. Nachdem ich in der Bank angefangen habe, wurde mir schnell klar, dass es auch andere Stellen gab und dass das große Geld sicher nicht im Bereich Operations gemacht wurde. Ich wandte mich an die internen Recruiter und erklärte mein Interesse an entsprechenden Stellen, bekam allerdings gesagt, dass Leute in diesen Jobs an Top-Universitäten studiert hätten. Man war nicht gewillt, mich entsprechend auszubilden und mir einen internen Aufstieg zu ermöglichen, obwohl ich der Top-Performer in meinem Team war und die Boni, die ich bekam, zu den höchsten in der gesamten Abteilung zählten. Es war unglaublich frustrierend.

Meine Rettung war das Networking. Ich bin nicht der Schlauste, aber ich bin sehr gut darin geworden, mich per E-Mail bei Leuten vorzustellen oder LinkedIn-Kontakte zu nutzen. Wenn man eine Stelle im Front Office will, aber im Back Office arbeitet, muss man dort hinein empfohlen werden.

Mir wurde klar, dass man vermutlich nicht vor Augen hat, was es alles an Stellen gibt, wenn man nicht gerade aus einer Familie stammt, die einen Bezug zur Finanzwelt hat. Die meisten Leute, die Banken-Jobs im Front Office haben, kommen aus wohlhabenden Familien und zielen von Anfang an darauf ab, die bestbezahltesten und prestigeträchtigsten Stellen zu ergattern. Leute, die nicht aus Banker-Familien kommen, werden in weniger begehrte Stellen gespült und müssen sich dann abrackern, um aus diesen wieder heraus zu kommen. Wenn man einmal drin ist, ist ein Wechsel zwar nicht unmöglich, aber nicht einfach.

Jetzt wo ich selbst in der Beratung bin, möchte ich etwas zurückgeben. Ich bin all jenen unglaublich dankbar, die mir als Mentoren zur Seite gestanden haben und bin selbst auch als Mentor aktiv. Ich fühle mich bei der Arbeit immer noch besonders zu den Leuten hingezogen, die aus ähnlichen Verhältnissen kommen wie ich selber. Wenn ich vor der Wahl stünde, würde ich immer eher den Bewerber nehmen, der an einer No-Name-Hochschule studiert hat und nicht den von der Top-Uni. Aus eigener Erfahrung weiß ich, welche Arbeitsethik man an den Tag legen muss, wenn man von einer No-Name-Uni kommt. Wenn man nicht aus wohlhabenden Verhältnissen stammt, muss man als Jugendlicher und als junger Erwachsener nebenher seinen Lebensunterhalt verdienen. Viele Leute, die an No-Name-Hochschulen studieren, arbeiten doppelt so hart wie Leute an Top-Unis und genau darum ist es schade, dass Banken das nicht anerkennen, wenn sie Leute im Front Office einstellen.

Stanley Wilkinson ist ein Pseudonym.

 

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