Als 22-Jähriger habe ich bei J.P. Morgan 155.000 Dollar verdient & hatte kein schlechtes Leben

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Als 22-Jähriger habe ich bei J.P. Morgan 155.000 Dollar verdient & hatte kein schlechtes Leben

Es ist allgemein bekannt, dass das Leben als Analyst im Investmentbanking grauenvoll ist. Die Umfrage zu den Arbeitsbedingungen bei Goldman Sachs, in der 13 Analysten über 120-Stunden-Wochen und damit einhergehende psychische und körperliche Folgen klagen, hat die Branche in ihrer ganzen Brutalität entlarvt. Aber was, wenn es so schlimm gar nicht ist?

Ben Chon, der an der University of Berkeley studiert und als Analyst bei J.P. Morgan in San Francisco gearbeitet hat, rückt das Ganze in ein anderes Licht. Im Banking zu arbeiten sei, so Chon, zwar anspruchsvoll, aber nicht so schlimm, wie von den Goldman-Sachs-Analysten behauptet (zumindest nicht für ihn). Und: Mit der Zeit werde es besser.

Chon war gut zweieinhalb Jahre bei J.P. Morgan und arbeitete an Healthcare-Deals in Kalifornien. „Ich habe definitiv 80, 90 oder 100 Stunden in der Woche gearbeitet“, so Chon. „Vielleicht habe ich auch mal 105 Stunden gearbeitet, aber es ist nicht normal, jede Woche so viel zu arbeiten. Die Spannweite reicht von 60 bis 105, aber der Durchschnitt liegt eher bei 70 bis 80 Stunden.“

Was die Goldman Sachs-Analysten, die hinter der Umfrage stehen, erlebt haben ist nach Meinung von Chon extrem und kann nicht als branchentypisch angesehen werden. „Die Goldman-Sachs-Tech-Group [in der die Analysten arbeiteten] ist dafür bekannt, dass sie sehr fordernd ist“, sagt er. „Die Tech-Gruppe bei J.P. Morgan saß eine Etage über mir und dort wurde auch sehr hart gearbeitet, aber als ich dort war, waren die Bedingungen nicht mit denen vergleichbar, die in der Umfrage geschildert werden. Das Problem Ende 2020, Anfang 2021 war Corona – alle saßen zuhause, die Aktienmärkte haben verrückt gespielt und es wurde an extrem vielen Deals gearbeitet. Und weil man zu Hause war, wurde man laufend mit Arbeit zugeschüttet.“

Selbst während der Pandemie, so Chon, hätten Banker in anderen Bereichen bei Goldman Sachs nicht so viel gearbeitet, wie es die Umfrage vermuten lässt: „Ich habe eine Freundin in einer anderen Gruppe bei Goldman Sachs. Sie sagt, dass sie sich mit ihren Erfahrungen in der Umfrage nicht wiederfindet. So geht es in der Umfrage beispielsweise um brüllende MDs – das hat sie noch nie erlebt. Und sie hatte nie so krasse Arbeitszeiten.“

Chon sagt, es läge im Banking in der Natur der Sache, dass es Deadlines gibt, aber die Arbeitsbelastung hinge davon ab, wie einfühlsam der Vorgesetzte ist. Bei J.P. Morgan, so Chon, hatte seine Gruppe eine „echt gute Balance aus einem guten Deal Flow und keiner unnötigen Präsenzpflicht“. Die älteren Kollegen hätten versucht, sich um die jüngeren zu kümmern: „Wenn man mit der Arbeit als Analyst fertig war, konnte man im zweiten Jahr auch vor den Associates heimgehen“, berichtet er. „Normalerweise machen die Directors und Vice Presidents zwischen 17 und 18 Uhr Feierabend, aber in einigen Gruppen ist es üblich, dass die Analysten länger arbeiten als die Associates.“ Die Führungskräfte in seinem Team bei J.P. Morgan hätten es begrüßt, wenn Junioren zusätzliche Arbeit übernommen hätten und versucht, ihnen entsprechenden Freizeitausgleich zu geben. Im Banking gehe es nicht überall so zu, räumt Chon ein: „Es gibt Horrorgeschichten und in manchen Häusern betrachten die Vorgesetzten die Analysten als ‚Wegwerfartikel‘, die ein oder zwei Jahre später ohnehin wieder weg sind und sehen keinen Sinn darin, sie kennen zu lernen und gut zu behandeln.“

Wenn man einen guten Chef hat kann das Banking laut Chon ein guter Einstieg sein, der einem eine interessante Zukunft bietet. Er selbst hat sich aus dem Bankwesen verabschiedet, nachdem seine Mutter an ALS erkrankte (die Krankheit, an der Stephen Hawking gelitten hat). Vorher habe er überlegt, zu einem Private-Equity-Fonds zu gehen, doch die Krankheit seiner Mutter hätte ihn zum Umdenken gebracht. „Ich hatte eine Quarter-Life-Crisis. Ich habe beschlossen, zu kündigen und zu reisen, und schließlich ein eigenes Unternehmen gegründet – etwas, das ich schon immer machen wollte.“

Heute hat Chon einen YouTube-Kanal mit über 60.000 Abonnenten, auf dem er über alles Mögliche berichtet – von Kryptowährungen über DCFs bis hin zur Frage, wofür er die 155.000 Dollar, die er mitt 22 bei bei J.P. Morgan verdient hat ausgegeben hat (Miete, Rechnungen, Kryptowährungen, Ausgehen). Er arbeitet immer noch 12 bis 15 Stunden am Tag, sagt aber, dass er jetzt etwas tut, was ihn „wirklich interessiert“ und ihm Überstunden darum egal sind.

Von den 13 Analysten, die hinter der Goldman-Sachs-Umfrage stehen, sollen mindestens fünf die Bank inzwischen verlassen haben. Seine Zeit bei J.P. Morgan sei letztlich erträglich gewesen, so Chon, aber die meisten seiner ehemaligen Bank-Kollegen seien mittlerweile auch gegangen – genau wie er selbst: „Von den 15 bis 20 Analysten, die mit mir angefangen haben, sind vielleicht noch zwei im Unternehmen. Alles andere würde mich überraschen“.

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