„Heute muss niemand mehr Frühstück holen“

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„Heute muss niemand mehr Frühstück holen“

Die Finanzbranche diverser und inklusiver machen – ein Vorhaben, das auf Podien und in Reports beschworen wird, mit dem sich die Unternehmen aber in der Praxis enorm schwer tun. Beim globalen Finanzdienstleister State Street gibt es nun eine, die es ernst meint: Simona Stoytchkova, langjährige Bankerin mit Wurzeln in Ost-Berlin, hat im August die Leitung der Wertpapiersparte Global Markets für Europa übernommen. Im Gespräch mit eFinancialCareers erzählt sie, warum diverse Teams wichtig sind, was sie an ihrer neuen Aufgabe reizt und wie sich die Arbeitskultur im Banking verändert.

Sie sind seit über 20 Jahren in der Finanzwelt unterwegs, sind in der Wirtschaftsprüfung gestartet und haben bei der Deutschen Bank, Morgan Stanley, Lehman Brothers und Société Générale gearbeitet. Wie hat sich die Branche in dieser Zeit verändert?

Simona Stoytchkova: Wir haben in den letzten 25 Jahren einen massiven Wandel erlebt. Geopolitische Veränderungen, Digitalisierung, zuletzt Corona – es werden ganz andere Produkte und Dienstleistungen gebraucht als früher. Und auch kulturell hat sich unglaublich viel getan. In meinen Anfangsjahren war es üblich, dass Praktikanten im Front Office Aufgaben übernehmen mussten wie etwa fürs ganze Desk Frühstück zu holen. Rauchen war in den Büros noch erlaubt, über allem wehte der Geist der Old-Boys-Networks. Dazu gehörten auch entsprechende Sprüche – all das habe ich selber erlebt. Wäre ich damals als junge Frau zu HR gegangen, um mich zu beschweren, hätte man dort nur mit den Schultern gezuckt. Das ist heute alles komplett anders – und das ist gut so!

Sind Nachwuchsbankerinnen und -banker von heute anders als vor 20 Jahren?

Simona Stoytchkova: Mit Sicherheit. Wir haben damals sehr, sehr viel gearbeitet. Wenn der Chef mit einer Aufgabe ankam, habe ich das selbstverständlich übernommen – Feierabend hin oder her. Heute sehe ich, dass jüngere Kolleginnen und Kollegen für sich einstehen, selbstbewusster sind, Grenzen setzen. Es geht mehr um Work-Life-Balance und auch darum, etwas Sinnhaftes zu tun.

Ihr eigener Einstieg ins Banking war eher untypisch…

Simona Stoytchkova: Ich bin aufgewachsen im Plattenbau in Ost-Berlin. Wir haben zu viert in einer Ein-Zimmer-Wohnung gewohnt. Aber: Meine Eltern haben mich immer darin bestärkt, meinen Weg zu gehen. Ich bin mit 15 für ein Jahr in die USA gegangen, habe mich anschließend auf einem deutsch-amerikanischen Gymnasium in Berlin-Zehlendorf beworben und die Aufnahme geschafft. Das hat mir Mut gemacht. Nach dem Abitur bin ich zum Studium nach London gegangen, wie viele aus meinem Jahrgang damals. Ich habe studiert, allerdings nicht an einer Elite-Uni. Als ich mich nach meinem Abschluss für Front-Office-Jobs im Banking beworben habe, habe ich reihenweise Absagen bekommen. Mir hat der Stallgeruch gefehlt. Ich habe dann in der Wirtschaftsprüfung angefangen, was sich im Nachhinein aber als enorm gewinnbringend für mich erwiesen hat: Ich habe gelernt, wie man an Probleme herangeht, Themen analysiert. Und einige Jahre später bin ich dann doch ins Banking gewechselt.

Was haben Sie aus dieser Erfahrung mitgenommen?

Simona Stoytchkova: Mein Learning war: Resilient sein, nicht aufgeben, an sich selber glauben. Außerdem hatte ich sehr gute Mentoren. Mein Rat: Netzwerken und sehr klar kommunizieren, was man machen möchte und wie man seine Karriere sieht.

Was hat Sie dazu bewogen, IG zu verlassen und zu State Street zu gehen?

Simona Stoytchkova: State Street ist ja eher bekannt für Custody und Asset Servicing. Das Global-Markets-Geschäft soll das unterstützen und in Zukunft eine noch prominentere Rolle in der Gruppe einnehmen. Kurz: Der Kurs steht auf Wachstum. Die Übernahme von Brown Brothers Harriman Investor Services ist hier nur ein Element. Dieses Wachstum mitzugestalten, hat mich unheimlich gereizt, insbesondere auch in Verbindung mit der neuen Digital Unit. Hier beweist State Street ein klares Committment zur Digitalisierung und zu den Möglichkeiten der neuen Technologien.

Sie sind bekannt als Verfechterin von Diversity und Inklusion. IG wurde unter Ihrer Führung unter die „besten Arbeitgeber für Frauen“ der Zeitschrift BRIGITTE gewählt. 2020 standen Sie auf der Liste der „40 over 40 – Germany’s most inspiring women“. Wie wollen Sie das in Ihre neue Aufgabe einbringen?

Simona Stoytchkova: State Street ist schon jetzt ein Unternehmen, das Diversity groß schreibt. Ich habe das in meinen eigenen Vorstellungsgesprächen erlebt: Da saß ich nicht nur den sprichwörtlichen „alten, weißen Männern“ gegenüber, sondern divers besetzten Panels. Und genau das müssen wir weiter vorantreiben: Wir müssen dafür sorgen, dass Banker nicht – wie in der Vergangenheit – Leute einstellen, die ähnlich aussehen wie sie, einen ähnlichen Hintergrund haben und an einer ähnlichen Uni studiert haben. Wir brauchen Leute mit unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen, aus unterschiedlichen sozialen Milieus, auch nicht-binäre Menschen.

Warum sind diverse Teams besser?

Simona Stoytchkova: Weil sie an Probleme ganz anders herangehen, weil sie verschiedenste Ansätze entwickeln und damit ganzheitliche Lösungen ermöglichen. Das ist sehr bereichernd – und das meine ich nicht nur persönlich, sondern auch betriebswirtschaftlich. Wenn ich Stellen besetze, bestehe ich darauf, dass die beauftragten Recruiter mir auch Kandidatinnen und Kandidaten mit Diversity-Profil vorschlagen. In meinen ersten Wochen hier haben wir in Global Markets beispielsweise schon drei tolle Frauen in Europa eingestellt. Und das war erst der Anfang.

Photo credit: State Street.

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