Für Recruiter
Wer ADHS hat, muss deshalb nicht auf eine Karriere in der Finanzwelt verzichten.

„ADHS zu haben kann im Banking gut funktionieren“

In den letzten Jahren haben die Investmentbanken entdeckt, dass es durchaus vorteilhaft ist, Menschen mit Autismus einzustellen – insbesondere für Aufgaben wie Softwareentwicklung. Weniger bekannt ist, dass auch Leute mit Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gesucht werden.

So startet beispielsweise Citi 2022 in London ein neues Hiring-Programm für neurodiverse Bewerberinnen und Bewerber. Goldman Sachs hat 2019 ein Internship für neurodiverse Menschen eingeführt. Beide zeigen sich offen für Leute mit ADHS und Autismus. Und selbst wenn man sich nicht auf diese speziellen Praktika-Programme bewirbt, scheinen die Banken Verständnis zu zeigen: Vor kurzem sagte ein Jung-Banker auf einer Konferenz, dass er sich seine schlechten Noten mit einem nicht-diagnostiziertem ADH-Syndrom erkläre und dass die Bank bereit gewesen sei, über diese hinwegzusehen.

Wenn Banken Menschen mit ADHS einstellen, dann aus gutem Grund. Ein Debt-Capital-Markets-Banker, der mehr als zehn Jahre lang bei Goldman Sachs war, berichtet, dass der Trading Floor von Goldman Sachs voll von Menschen mit ADHS sei. Und: Zumindest im Trading könne es ein großer Vorteil sein, wenn man mental zwischen verschiedenen Dingen hin- und herspringen kann, sich aber auch konzentrieren kann.

Ein algorithmischer Trader mit ADHS erklärt, warum. „Wenn man auf dem Trading Floor sitzt, schaut man auf sechs bis neun Bildschirme und muss sich selten über einen längeren Zeitraum hinweg auf etwas konzentrieren“, sagt er. „Vielen macht das keinen Spaß, aber wenn man ADHS hat, ist es perfekt. ADHS gibt einem Skills, die man nutzen kann, um im Beruf voranzukommen. In bestimmten Bereichen im Banking kann das sehr gut funktionieren.“

Stephanie Camilleri ist ehemalige Bankenanwältin und Compliance-Expertin, hat selbst ADHS und betreut mittlerweile andere Betroffene als Coach. Sie sagt, dass der Trading Floor gut zu ADHS-Gehirnen passe, weil diese sich durch Interesse, Herausforderung, Neuheit, Dringlichkeit und Leidenschaft auszeichnen. „Viele ADHS-ler, die im Trading tätig sind, fühlen sich von der Schnelllebigkeit der Branche angezogen. Das Risiko ist hoch und es steht viel auf dem Spiel. Selbst wenn sie wissen, was sie tun, wissen sie nicht, was am Ende herauskommt – und das macht das Ganze interessant. Kein Tag ist wie der andere, es gibt keine Langeweile. Die Ergebnisse sind unmittelbar und greifbar und das hält den Dopaminspiegel hoch“.

Das soll nicht heißen, dass ADHS im Finanzwesen immer toll ist. Wenn Sie im Investmentbanking im Bereich M&A oder Kapitalmarkt-Deals arbeiten, bei denen es enorm wichtig ist, beim Zusammenstellen von Kundenpräsentationen auf Detailgenauigkeit zu achten, ist ADHS eher Fluch als Segen. Auch bei quantitativen Aufgaben kann es zur Hürde werden: Kwasi Afrifa, Absolvent des Imperial College und Analyst im Londoner Strats-Team bei Goldman Sachs, verklagte 2019 seinen Arbeitgeber und erklärte, die Bank habe keine Rücksicht auf sein ADH-Syndrom genommen und ihm schlechte Performance-Reviews gegeben. Der Fall wurde letztes Jahr nach Zahlung einer nicht näher bezifferten Summe beigelegt.

Die Banken sollten verständnisvoller sein. Camilleri berichtet, dass ihr ehemaliger Chef ADHS habe und dass viele Managing Directors in Banken betroffen seien. Menschen mit ADHS sind nicht nur auf dem Trading Floor, sondern laut Camilleri überall im Banking anzutreffen, auch in der IT und im Vertrieb. „ADHS tritt häufig nicht isoliert auf“, so Camilleri. „Es wird oft begleitet von Autismus oder Zwangsstörungen, die sich mit Analysten- oder IT-Jobs, die datenorientiert und prozessgesteuert sind, ergänzen.“

Wer mit ADHS Karriere in der Finanzwelt machen will, braucht einige proaktive Techniken, um mit der Krankheit umzugehen. Der algorithmische Trader etwa gibt an, dass er immer Papier und Stift zur Hand hat, um sich Aufgaben zu notieren und sie nicht zu vergessen. ADHS-ler im Bankwesen müssen sich, so Camilleri, darüber im Klaren sein, dass sie einem besonderen Burnout-Risiko ausgesetzt sind. „ADHS-Patienten neigen dazu, sich in Dinge zu verbeißen – und dazu gibt es im Bankenumfeld reichlich Gelegenheit. Häufig vergessen ADHS-ler dann zu essen, zu trinken und sogar aufs Klo zu geben. Sie sind an ihre Bildschirme gefesselt, arbeiten sehr lang – manchmal ganze Nächte durch – und brechen dann nach einigen Tagen, Wochen oder Monaten zusammen und müssen sich eine Auszeit nehmen“, warnt sie.

Menschen mit ADHS können zudem überempfindlich auf Ablehnung reagieren. Aus diesem Grund neigen sie laut Camilleri dazu, es anderen recht machen zu wollen und bürden sich oft mehr Arbeit auf als sie bewältigen können. Gepaart mit fehlendem Zeitgefühl, Problemen beim Zeitmanagement und einer Tendenz zum Perfektionismus kann dies dazu führen, dass Finance-Professionals mit ADHS das Gefühl haben, überfordert zu sein. ADHS führt dazu, dass man Dinge nicht umsetzt – die Folge sind Prokrastinieren und Probleme damit, übernommene Aufgaben tatsächlich zum Ende zu bringen. „Dies kann von außen als mangelnde Kompetenz wahrgenommen werden, auch wenn die Wahrheit ganz anders aussieht“, warnt sie.

Viele Menschen mit ADHS werden medikamentös behandelt, aber laut Camilleri kann man auch durch das Erlernen von bestimmten Techniken mit der Krankheit umgehen. „ADHS-Medikamente können zwar bei der Selbstregulierung helfen, aber: the pills don’t give the skills“, so Camilleri. Die nämlich entstehen nur durch eine tiefgreifende Verhaltensänderung.

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AUTORSarah Butcher Globale Redaktionsleiterin mit Sitz
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