Banker:innen – nichts als ausgebrannte Kleinbürger?
Der Soziologe Mustafa Yafas kennt viele, die – wie er selbst – darum gekämpft haben, an Top-Universitäten zu kommen, um dann Karriere als Banker, Consultant oder IT-Fachkraft zu machen – und dann später zu merken, dass sie vielleicht doch etwas anderes vom Leben wollten. Er hat 70 von ihnen interviewt und seine Erkenntnisse in einem neuerschienenen Artikel* in der American Sociological Review zusammengefasst.
Die Menschen, die Yafas interviewt hat, sind – wie er selbst – alle erfolgreiche türkische Staatsangehörige. Yafas war erst Consultant und ist mittlerweile Postdoc an der Johns Hopkins University. Seine 70 Interviewpartner:innen arbeiteten bei McKinsey & Co., bei ungenannte Investmentbanken oder Big-Four-Firmen in New York und Istanbul. Sie haben viel erreicht, sind ehrgeizig und müde. „Meine Haare sind grau geworden“, sagt ein Big-Four-Prüfer. „Wenn meine Realität darin besteht, in diesem Job zu arbeiten, bis ich 60 Jahre alt bin, macht mich das wütend“, erklärte ein Banker.
Was sie nicht tun, ist, den kapitalistischen Traum zu leben.
Während älteren Banker:innen manchmal vorgeworfen wird, dass sie aus ihrer Tätigkeit einen kollektivistischen Anteil am Gewinn ableiten, sind die heutigen Eliten laut Yafas weniger privilegierte Kapitalbesitzer, sondern eher ausgebrannte Mitglieder des Kleinbürgertums. Nachdem sie lange dachten, dass das Glück ganz oben auf der Karriereleiter zu finden ist, erklärt Yafas, dass den 70 interviewten Achiever zunehmend klar wird, dass das nicht der Fall ist – und dass sie nun aus eigenen Stücken kürzer treten.
Das grundlegende Problem ist, dass „Überarbeitung die Nichtarbeit erstickt“ und dass man, je mehr man arbeitet, um das Karrierenirwana zu erreichen, umso mehr Opfer von „verarmten Lebenserfahrungen“ in anderen Bereichen wird. Yafas schreibt, dass sich die Menschen trotz hoher Gehälter „relativ benachteiligt“ fühlen und zu der Erkenntnis gelangen, dass sie ein „mangelhaftes Verhältnis zur Zukunft“ haben, das sich durch „verfallende körperliche und geistige Gesundheit, Konflikte zwischen Arbeit und Familie, entgangene Freizeit und soziale Benachteiligung“ auszeichnet.
Das klingt düster, deckt sich aber mit den Erkenntnissen der ehemaligen Bankerin und jetzigen Forscherin Alexandra Michel, die feststellt, dass junge Banker:innen sich oft abrackern, bis sie krank werden oder im Burn-out landen und dann entweder aufgeben oder Bewältigungsmechanismen entwickeln. Ein Banker, der sich darüber beklagte, „an den Schreibtisch gekettet“ zu sein, erzählte Yafas, dass sein Bewältigungsmechanismus darin bestehe, den Job zu spielen und zu versuchen, auf der Suche nach Nervenkitzel „aufzusteigen“. Eine andere sagte, sie könne nur einschlafen, wenn sie sich zwinge, eine Stunde lang die Wand anzustarren.
Yafas schreibt, dass es ein Karriereziel gäbe, allerdings bestünde dieses nicht darin, Managing Director zu werden und ein Haus in der Stadt und einen Zweitwohnsitz auf dem Land zu haben. Wenn die langen Arbeitszeiten unerträglich werden, beginnen Menschen in Spitzenjobs seiner Meinung nach zu überdenken, was sie wirklich glücklich machen könnte. „Darauf folgt eine Neubewertung ihrer Prioritäten im Leben und die Frage, ob sie die Probleme, die mit ihrem Beruf einhergehen, hinnehmen können.“
Es ist nicht einfach, einen Job mit einem Jahresgehalt von 150.000 Dollar und mehr aufzugeben. Es bedeutet, weniger Schulden aufzunehmen, zu sparen und die eigenen Lebenshaltungskosten zu senken. Yafas schreibt, dass die Menschen, die in ihren Jobs bleiben, dies tun wegen bestehender Hypotheken, wegen der Kindern („die exorbitanten Kosten der Reproduktion der oberen Mittelklasse“) und der hohen Ausgaben. Die Menschen werden süchtig nach dem sozialen Status, der mit einem „von gehobenem Konsum geprägten Lebensstil“ einhergeht. Yafas zitiert einen Berater, der beklagte, dass er, wenn er seinen Job aufgäbe, „die Chance verlieren würde, durch die Arbeit Business Class zu fliegen und in den besten Restaurants der Welt zu essen“.
Diejenigen, die mit dem Gewohnten brechen, entdecken aber eine ganz andere Art von Leben. Die ergraute Wirtschaftsprüferin berichtet, sie habe ihren Job bei den Big Four aufgegeben und einen weniger prestigeträchtigen und schlechter bezahlten Job angenommen, habe jetzt aber Zeit zum Stricken, Kochen, Schwimmen, zum Lesen von Romanen – und Zeit, um ins Fitnessstudio geht. „Ich bin glücklich“, erklärte sie.
*White collar opt out: How "good jobs" fail elite workers
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