„Mir bleibt nichts anderes übrig, als bescheiden zu leben. Und ich bin glücklicher“

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„Mir bleibt nichts anderes übrig, als bescheiden zu leben. Und ich bin glücklicher“

Wem der Name Herb Lust noch nichts sagt, der sollte weiterlesen: Lust hat wertvolle Tipps auf Lager. Lust ist seit 42 Jahren in der Finanzwelt tätig, hat auf Käufer- und Verkäuferseite gearbeitet, hat viel Geld verdient und viel Geld verloren. Der Name Herb Lust steht für Rat und Weisheiten rund um die Frage des guten Lebens in der Finanzbranche.

„Es gab eine Zeit, in der ich ein eigenes Brownstone-Haus mit Panorama-Blick über den Hudson-River besaß“, so Lust. „Und wenige Jahre später habe ich mich in einer Ein-Zimmer Wohnung in einem Industriegebiet wiedergefunden, mit 2 Meter niedrigen Wänden, offen verlaufenden Rohren und einem Boiler im Kleiderschrank.“

Heute ist Lust Mitte 60 und arbeitet im Sales für die Odeon Capital Group in New York. In der Vergangenheit war er unter anderem „Head of Distressed“ bei JP Morgan, Managing Director bei Salomon Smith Barney, Managing Director bei Nomura, ein Senior Managing Director bei Bear Stearns sowie CIO eines Event-getriebenen Credit-Hedgefonds. Lust hat so ziemlich alles gesehen: „Ich hatte quasi jeden Job, den es an der Wall Street gibt.“

Lust war dreimal verheiratet und eine Privatinsolvenz hinter sich. Erstgenanntes ließ seine Kosten explodieren, das letztgenannte verhagelte seine Karrieremöglichkeiten. „Mir bleibt jetzt nichts anderes übrig, als bescheiden zu leben“, sagt er. „Ich habe aus zwei Ehen Kinder, die ich unterstütze und was mir zum Leben bleibt ist nur sehr wenig.“

In einem einer typischen LinkedIn-Posts beschrieb Lust Anfang Dezember wie er von Brooklyn nach Westport fährt, um seine Kinder zu besuchen. „Eine Stunde von Brooklyn nach Grand Central, noch mal eine Stunde von Grand Central nach Westport. Die knapp 4 Kilometer vom Bahnhof zum Haus bin ich zu Fuß gegangen (und habe mir das Taxi für 20 $ gespart), habe meine Kinder dann auf eine Pizza in der Nachbarschaft eingeladen und bin wieder zurück gelaufen.“ Auf dem Weg zum Bahnhof neben ihm ein nicht endender Strom an Autos der Marken Mercedes und BMW. „Ich habe selbst ein tolles Mercedes-Cabriolet besessen und weiß, wieviel Spaß es macht, so ein Auto zu fahren“, schreibt er. „Aber für die 40 $, die das Taxi gekostet hätte, kann ich mit meinen Kindern schön essen gehen – das Laufen lohnt sich also. Ich lache und sage mir, ‚die haben ihren Benz und ich meine zwei Beine‘.“

Nachdem seine dritte Ehe gescheitert war, meldete Lust Privatinsolvenz an. „Es gab Zeiten, in denen ich reich war. Nicht mega-reich, aber ich habe immerhin zwischen 1 und 3 Millionen $ im Jahr verdient“, sagt er. „Das Geld ist weg. Irgendwann nahmen die Rechnungen überhand und ich konnte sie nicht mehr bezahlen. Mir blieb nichts anderes übrig, als in die Insolvenz zu gehen.“

Insolvenzen sind gefürchtet im Banking: In den USA ist es Arbeitgebern durch Bundesgesetze gestattet, Bewerber mit Insolvenzgeschichte abzulehnen und große Banken machen von diesem Recht normalerweise auch Gebrauch. Und doch sagt Lust, dass nicht alle Türen für immer zu seien: Er arbeitet noch immer und ist kurz nach dem Vorfall sogar MD bei Cantor geworden.

Mit wenig Geld auskommen zu müssen, sei ebenfalls keine schlechte Sache. In seiner Ein-Zimmer-Wohnung mit den niedrigen Decken und den berüchtigten Heizungsrohren sei er so glücklich gewesen wie schon seit Jahren nicht mehr. „Plötzlich sind die Sorgen von mir abgefallen“, sagt er. „Ich wollte einfach nur meine Kinder sehen und mein Leben genießen.“ Er habe viel gelesen: „In diesem Jahre habe ich Ovid entdeckt. Ich habe immer schon viel gelesen. Als ich dann wieder dauerhaft allein lebte, hatte ich viel freie Zeit.“

Lust lässt die einzelgängerische Askese an der Wall Street attraktiv wirken – und doch bricht er eine Lanze für das Heiraten, sofern es nicht nur um den Komfort von geteiltem Vermögen geht. Das Leben im Banking sei nicht einfach, so Lust. „Es kommt vor, dass man nachts schweißgebadet aufwacht beim Gedanken an bestimmte Positionen.“ In einer Ehe mit Leuten aus der Finanzbranche sei Empathie und Unabhängigkeit gefragt. Wer mit jemandem in der Finanzwelt verheiratet sei, müsse „sich selbst genug sein“, so Lust. „Der Partner ist viel unterwegs, arbeitet lang und macht Geschäftsreisen. In einer Wall Street-Ehe muss man auch dann zufrieden sein, wenn der Partner nicht da ist.“

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