Ex-Investmentbanker, der 16 Stunden am Tag gearbeitet hat: „Ich bin froh, dass ich es gemacht habe – weil ich jetzt auf der anderen Seite stehe“
Jonathan Tristan ist ehemaliger Bulge-Bracket-Investmentbanker und betreibt seit Juni einen TikTok-Account, in dem er Tipps zum Thema Finanzplanung gibt. Auf seinem Kanal spricht er auch über seine Zeit im Banking zu sprechen und hat damit schon mehr als 125.000 Follower und fünf Millionen Likes gesammelt. Das Bild, das er von der Branche zeichnet, ist nicht gerade rosig.
Tristan wurde nach einem Praktikum übernommen, blieb zwei Jahre im Investmentbanking – und arbeitete dort nach eigener Aussage „jeden Tag 16/17 Stunden“. Vor vier Jahren verabschiedete er sich aus der Branche und lebt mittlerweile in Kalifornien.
Die Arbeitszeiten hätten schlimme Folgen für seine psychische und körperliche Gesundheit gehabt: Er konnte nicht mehr schlafen und bekam einen Hautausschlag. Er Auch seinem Haarausfall gab der Stress „den letzten Rest“, seit seiner Kündigung ist es aber besser.
Am meisten Sorgen machte ihm jedoch Herzbeschwerden. Nachdem er dachte, einen Herzinfarkt zu haben, schickte ihn die Bank zum Kardiologen. Die Diagnose: sein Blutdruck war „erschreckend hoch“. Herzprobleme im Banking sind seit Jahren ein Thema, verschärft durch mehrere prominente Todesfälle – darunter der von Bank-of-America-Associate Leo Lukenas, der Berichten zufolge ebenfalls extrem lange gearbeitet hatte.
Nun hat Tristan einen Post veröffentlicht, der viral ging und schon über 1,3 Millionen Views hat. Darin erklärte er, dass seine Bank Krankheiten in zwei Kategorien einteilte: „sick“ und „sick sick“. „Sick“ bedeutete: krank, aber arbeitsfähig. „Sick sick“ hieß: wirklich nicht in der Lage zu arbeiten. Als Tristan einmal „sick sick“ war, fragte man ihn prompt, ob er nicht trotzdem einen halben Tag arbeiten könne. Auch Urlaub zu nehmen sei schwer gewesen – Analysten hätten in seinem Team im ersten Jahr nur maximal fünf Tage frei nehmen dürfen.
Tristan erklärte außerdem, warum Banken diese 100-Stunden-Wochen fordern. Einer der Hauptgründe: Die Rolle gleiche der eines Bereitschaftsarztes. „Der Grund, warum wir so viel verdienen, ist, dass wir jederzeit verfügbar sind, um alles zu erledigen, was sie von uns verlangen.“ Tatsächlich sei die tägliche Arbeit „nicht wirklich kompliziert“ (außer bei laufenden Deals), aber man müsse immer bereit sein für das nächste 'pls fix'.
Obwohl Tristan betont, dass es im Banking viele „wirklich gute Leute“ gebe. Schwierig sei die Haltung von „ich musste das durchmachen, also müsst ihr es auch“. Jobs im Banking sind extrem begehrt sei – „100 Leute stehen Schlange für den Job“ – und darum herrsche bei vielen die Ansicht, dass alle austauschbar seien.
Tristan sagt, dass das Banking ihm nicht nur zwei Jahre gekostet habe, sondern auch „acht Jahre Vorarbeit, um mich überhaupt für den Job zu qualifizieren“. Er sei froh, es gemacht zu haben – aber nur, weil er jetzt „auf der anderen Seite“ steht. Ob er es noch einmal tun würde, wenn er damals schon gewusst hätte, was er heute weiß, sei fraglich.
Ganz schlecht sei das Banking aber nicht gewesen. Tristan lobt die „radikale Ehrlichkeit“ der Branche und sagt, Finance habe „die höchste Dichte an Straight Shooters pro Kopf“. Auch Freundschaften ließen sich im Banking gut schließen: Mit dem Kollegen, neben dem er an seinem ersten Tag saß, sei er bis heute eng befreundet. Und dann ist da noch das Geld: In seinem ersten Jahr verdiente Tristan rund 140.000 US-Dollar, im zweiten 200.000 US-Dollar.
Auf die Frage, bei welcher Bank er gearbeitet habe, antwortet Tristan nicht. Das FINRA-Tool BrokerCheck zeigt jedoch, dass ein Jonathan Tristan Finkel von 2019 bis 2021 bei der Deutschen Bank tätig war.
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