Arroganter 24-jähriger deutscher Hedgefonds-Manager wird von alten Hasen gerettet
Nur selten werden Superhelden als Trupp anzugtragender Hedgefonds-Typen Ende 50 dargestellt. Doch vielleicht sollten wir heute Morgen kurz dankbar sein, dass der 57-jährige Ken Griffin und seine ähnlich betagte Mannschaft sich ins Getümmel gestürzt und die börsennotierten Investments von Leopold Aschenbrenners Situational-Awareness-Fonds aus den Flammen gerettet haben. Auch wenn sie dabei weder Umhang noch bunte Strumpfhosen trugen.
Die Financial Times deutet an, dass Griffin und seine Crew damit eine wichtige Rolle dabei spielten, die Märkte nach einem globalen Halbleiter-Ausverkauf zu stabilisieren, der drohte, „außer Kontrolle zu geraten“. Einige von Aschenbrenners größten Positionen – CoreWeave und SanDisk – waren um fast 60 Prozent eingebrochen, auch weil der Markt befürchtete, Aschenbrenner könnte gezwungen sein, noch mehr Anteile in einen fallenden Markt zu werfen. Als Griffin und seine Leute (Pablo Salame, Gerald Beeson, Shawn Fagan, Perry Vais) einstiegen, erholte sich CoreWeave um 21 Prozent und SanDisk um 26 Prozent. „Jetzt haben wir einen Narrativ gefunden und können weitermachen“, sagt Max Kettner, Chef-Multi-Asset-Stratege bei HSBC.
Der besagte neue Narrativ lautet vorerst: Halbleiteraktien fielen, weil Aschenbrenner verkaufen musste, um Nachschussforderungen von Goldman Sachs, Morgan Stanley und Co. zu bedienen – und mit Halbleiterfirmen lässt sich weiterhin Geld verdienen. Griffin und Co. beweisen das gerade. Bloomberg merkt an, dass es bei Citadel auch vor der tapferen Rettung von Aschenbrenners 16-Milliarden-Dollar-Portfolio nicht gerade rundlief. Citadels Wellington Fund soll im Verlauf des Julis (Stand: 24. Juli) um weniger als 50 Basispunkte zugelegt haben. Jetzt, da der Fonds Aschenbrenners Investments mit einem Abschlag von mehr als 10 Prozent übernommen hat, diese sich um mehr als 20 Prozent erholt haben und vermutlich prompt wieder verkauft wurden, dürfte der Wellington Fund deutlich stärker zulegen.
Bloomberg schreibt außerdem, Griffin sei ein alter Hase in solchen Situationen und habe in der Vergangenheit bereits bei notleidenden Investoren wie Amaranth, Enron und Sowood Capital Management „fette Steilvorlagen“ genutzt. Er besitze eine „geradezu übernatürliche Fähigkeit“, Unheil zu wittern und im entscheidenden Moment „Krisenkapital“ bereitzustellen.
Was bleibt für Leopold Aschenbrenner, das großzahnige 24-jährige deutsche Wunderkind, das zur Zeit der Finanzkrise 2008 gerade einmal sechs Jahre alt war? Ganz so „situationsbewusst“, wie er es in dem wegweisenden Essay behauptet hatte, der ihn bekannt machte, wirkt er jetzt nicht mehr – aber ein durchschnittlicher 24-Jähriger ist er trotzdem noch lange nicht. Das Wall Street Journal berichtet, Aschenbrenner verwalte weiterhin Vermögenswerte in Höhe von 10 Milliarden Dollar. Auch seine private Beteiligung an Anthropic besitzt er noch. Ebenso seine Villa im Stadtteil „Nob Hill“ in San Francisco. Seinen Investoren verspricht er nun „künftig eine höhere Resilienz“.
Trotzdem ist von Aschenbrenners übermenschlichem Glanz nicht mehr ganz so viel übrig. Nachdem er sich als ungewöhnlich scharfsinnigen Kopf inszeniert und „Wordcels“ verspottet hatte, die keine Mathematik können und die kommende KI-Revolution nicht verstehen – so wie es sein Lieblingsdiagramm unten erklärt –, hat sich Aschenbrenner als einer entpuppt, der so sehr von seinen eigenen Überzeugungen eingenommen ist, dass er seine Investments Berichten zufolge um das Drei- bis Vierfache gehebelt hat, ohne wirksame Absicherungen zu haben. Auch seine Investoren waren scheinbar so sehr von Leopold Aschenbrenner eingenommen, dass sie die Hälfte ihres Geldes verloren.
Zu diesen Investoren zählen auch Patrick und John Collison, die Gründer von Stripe, die Berichten zufolge am vergangenen Mittwoch mehrere Stunden bei Aschenbrenner im Büro waren, als er und sein Team die Verhandlungen mit Citadel aufnahmen (darunter kurzzeitig auch mit dem 77-jährigen Izzy Englander, der im Auftrag von Millennium ebenfalls die Fühler ausstreckte).
Griffin und Englander sollen diese Telefonate von Europa aus geführt haben – laut WSJ hätten diese bis weit nach Mitternacht angedauert. Hat sie die Krise vielleicht im Urlaub erwischt? Bei Leopold Aschenbrenner selbst platzte die Krise mitten in seine Hochzeit. Das WSJ berichtet, er habe die Chief of Staff von Anthropic-CEO Dario Amodei geheiratet, die Gäste seien gerade eingetroffen und dann sei das „Vor-Hochzeits-Kolloquium mit Panels und Breakout-Sessions zur Ideendiskussion“ losgegangen. Das klingt alles ein bisschen unangenehm. Leopold Aschenbrenners Ideen sind eben doch nicht über jeden Zweifel erhaben.
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