„Das Bankwesen ist voll von mittelmäßigen MDs und deren Machtspielchen“
Ich wende mich mit diesem Text an Studierende, die ins Banking gehen wollen – und an Nachwuchskräfte in der Bankenbranche. Ich möchte niemanden davon abhalten, bei einer Bank zu arbeiten. Dennoch möchte ich gern darauf hinweisen, wie es in der Branche tatsächlich zugeht.
Banken sagen über sich selbst gern, dass bei ihnen das reine Leistungsprinzip herrscht: Erfolg hängt davon ab, was man leistet. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das nicht stimmt.
Ich stamme aus einer Familie mit wenig Geld und bin im sozialen Wohnbau aufgewachsen. Außerdem gehöre ich einer ethnischen Minderheit an. Als ich eine Stelle bei einer US-Investmentbank bekam, dachte ich, das sei das Beste, was mir je passiert sei. In vielerlei Hinsicht war es das auch. Aber seither sind mir die Augen geöffnet worden, wie das System funktioniert.
In meinem Team an der Wall Street war ich der, der am meisten geleistet hat. Ich weiß, dass ich der Beste war: Ich habe mir die ganze Zeit die Zahlen angesehen, weil es Teil meines Jobs war. Die Kunden haben mich geliebt. Ich habe mich auch außerhalb meiner Rolle stark engagiert, um junge Uni-Absolvent:innen für das Unternehmen zu gewinnen und die Kultur innerhalb der Bank zu fördern. Ich war auf dem besten Weg dahin, Managing Director zu werden.
Dann wurde ich entlassen.
Dass ich entlassen wurde, hing nicht mit meiner Leistung zusammen. Ich wurde entlassen, weil mein Chef mich nicht mochte. Ich habe mich nicht bei anderen angebiedert, weil ich dachte, meine Zahlen würden für sich sprechen. Das taten sie aber nicht. Tatsächlich habe ich später erfahren, dass mein Chef – der sich durch meine Leistung bedroht fühlte – meine Zahlen nach unten korrigiert hatte, damit sie seine eigenen nicht untergruben. Er hat gelogen.
Das ist kein einmaliger Vorfall. So ist das Banking heute. Man kann im Bankwesen immer noch sehr viel Geld verdienen, aber nicht mehr so viel wie sonst nirgendwo. Vor 30 Jahren gab es Leute, die zig Millionen verdient haben. Das ist vorbei.
Das Banking von heute ist ein prozessgetriebenes Umfeld. Es ist zu einem festen Beruf für die Mittelschicht geworden, ähnlich wie Medizin oder Jura. Es zieht Menschen an, die ein gutes, festes Einkommen suchen und alles tun, um dieses Einkommen zu sichern. Sie sind sehr gut im Managen, und wenn sie erst einmal im Amt sind, holen sie ihre Freunde nach und bringen sie in Führungspositionen – und sie sorgen dafür, dass sie unter keinen Umständen bedroht werden.
Ich habe das bei der Bank erlebt, bei der ich entlassen worden bin. Und ich habe es seither auch bei anderen Banken gesehen. Die Leute in Machtpositionen sind nicht besonders hochkarätig, sondern es sind einfach die, die am besten Politik machen und die absolut rücksichtslos sind. Die Entscheidungen, die sie treffen, sind darauf ausgerichtet, ihren eigenen Arbeitsplatz und den ihrer Clique zu sichern.
Entscheidend für den Erfolg ist also nicht die eigene Leistung, sondern die Fähigkeit, mit solchen Leuten gut zurechtzukommen.
Mein Rat: Geht ins Banking, aber lasst euch nicht blenden.
Hadi Horyaal ist ein Pseudonym
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