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„Ich bin von einer großen US-Bank zu einem europäischen Wettbewerber gewechselt – und war ernüchtert“

Ich habe den Großteil meines Berufslebens bei einer US-Investmentbank verbracht – eine der Banken, zu der praktisch alle im Investmentbanking wollen. Nach mehr als 20 Jahren in einer leitenden Funktion in einem großen Team bekam ich einen Anruf von einem Headhunter. Er bot mir die Chance, eine größere Rolle bei einer renommierten europäischen Bank zu übernehmen, die ihr Geschäft in New York ausbauen wollte.

Das klang nach einer spannenden Herausforderung. Also wechselte ich. Heute bereue ich diese Entscheidung.

Wer es gewohnt ist, bei einer US-Bank zu arbeiten, erlebt bei vielen europäischen Banken einen Kulturschock. Für mich war es ein Unterschied wie Tag und Nacht – wobei die europäische Bank eindeutig für die dunklere Seite steht.

Die Mitarbeiter dort haben keinerlei Dringlichkeitsgefühl. Bei meiner vorherigen Bank wäre niemand auf die Idee gekommen, um 16:30 Uhr zum Zahnarzt zu gehen oder um 17:01 Uhr Feierabend zu machen. Bei der europäischen Bank, für die ich arbeitete, war genau das die Regel. Viele Kolleg:innen haben nicht den Ehrgeiz, die Besten zu sein – es reichte ihnen, einfach gut genug zu sein. Das empfand ich als frustrierend.

US-Banken funktionieren wie Spezialeinheiten. Sie fordern von ihren Mitarbeitenden maximale Leistung und erwarten, dass sie ihr Potenzial vollständig ausschöpfen. Sie rekrutieren die besten Talente, die sie finden können, und investieren intensiv in deren Weiterentwicklung. Nicht alle halten diesem Anspruch stand, aber US-Banken erkennen außergewöhnliche Mitarbeitende sehr schnell. Viele bleiben dort 20 oder sogar 30 Jahre. Ausbildung, Karriereentwicklung, Unternehmenskultur – alles greift ineinander. Rückblickend waren meine Jahre bei der US-Bank durchweg toll.

Ich bin gegangen, weil ich mich weiterentwickeln wollte. Ich wollte wissen, ob ich auch in einer höheren Position erfolgreich sein kann und wie ich außerhalb dieser perfekt eingespielten Organisation funktioniere. Erst wenn man ein weniger effizientes Umfeld erlebt, erkennt man, welche Bausteine das eigene Erfolgsmodell eigentlich ausmachen.

Mir wurde klar, dass die neue Organisation schlicht nicht zu mir passte. Die Bank war nicht auf Menschen ausgelegt, die in meinem Tempo arbeiten. Ich holte mehrere ehemalige Kolleg:innen von meiner früheren US-Bank ins Team, und sie erlebten es genauso. Das Arbeitsumfeld war derart lähmend, dass keiner von uns wirklich etwas bewegen konnte.

Inzwischen haben wir die Bank alle wieder verlassen. Ich selbst bin derzeit nicht in der Branche aktiv. Rückblickend war der Wechsel ein schwerer Fehler. Für mich bleiben die großen US-Banken das Maß aller Dinge. Wer dort eine gute Position innehat, sollte sehr genau überlegen, ob sich ein Wechsel lohnt.

Sidney Jordan ist ein Pseudonym.

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AUTORSidney Jordan

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