„Aktuelle Recruiting-Prozesse lassen viele geeignete Kandidat:innen durchs Raster fallen“
Ich bin Recruiter im Finanzdienstleistungsbereich. Ich mache diesen Job seit Jahrzehnten – und schreibe hier darüber, was aktuell in der Branche schiefläuft. Diese Woche hatte ich ein Gespräch mit einem Hiring Manager, das ziemlich gut auf den Punkt bringt, woran die Personaleinstellung heute hinkt.
Der besagte Manager ist dazu verpflichtet, bei der Personalsuche zuerst ausschließlich das interne Talent-Acquisition-Team zu nutzen. Erst nach Ablauf einer bestimmten Zeit darf er einen Recruiter mit entsprechender Spezialisierung einschalten. Entsprechend hatte das Team zweieinhalb Wochen lang Kandidat:innen gesucht – vor allem über LinkedIn und die Karriereseite des Unternehmens. Nachdem der Hiring Manager um ein Update gebeten hatte, bekam er auf einen Schlag 72 CVs zugeschickt, mit der Bitte, diese zu prüfen. Er führt ein Team von 45 Leuten. 72 Lebensläufe zu sichten ist nicht sein Job. Er schaute sich zehn Lebensläufe an und stellte dann fest, dass die Abteilung nicht verstanden hatte, was für ein Profil eigentlich gesucht wird. Vorher war ihm von Leuten aus dem sprichwörtlichen Elfenbeinturm erklärt worden, dass der neue Ansatz professionell sei und Zeit und Kosten spare.
Am nächsten Tag bekam er einen Anruf von einem Recruiter. Offenbar hatte sich eine Kandidatin, die er noch von vor ein paar Jahren kannte, bereits zwei Wochen zuvor direkt beworben – und nie etwas gehört. Der Recruiter brachte die beiden in Kontakt. Der Hiring Manager und einige wichtige Teammitglieder setzten sich mit ihr zusammen. Ergebnis: perfekte Besetzung – und sofort verfügbar.
Hier stellt sich die Frage, wie viele gute Kandidat:innen im Prozess durchs Raster fallen – und kein Hiring Manager je erfährt, dass es sie überhaupt gibt. Außerdem stellt sich die Frage, wie viele der 72 Bewerber:innen überhaupt eine Rückmeldung bekommen haben.
Und der Recruiter, der den Kontakt zu der erfolgreichen Kandidatin hergestellt hat? Geht leer aus, da die Kandidatin sich laut Aussage der HR ja „schon direkt beworben hatte“.
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